
„Deutschland ist im Sommer der Gipfel der Schönheit, aber niemand hat das höchste Ausmaß dieser sanften und friedvollen Schönheit begriffen, wirklich wahrgenommen und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinab gefahren ist.“
Mark Twain in "A Tramp Abroad"
Sollte ich mein persönliches Ithaka benennen, den Ort an den es in einem nachdrücklichen Sinne einen Nostos, eine Heimkehr gibt, dann würde ich wohl vom Südwesten Deutschlands, dem mittleren Neckarlauf sprechen. So gesehen war es wohl sinnig anlässlich des diesjährigen Bloomsdays in Karlsruhe auszustellen, was im Hinblick auf eben diesen Nostos erheblich näher an den Windungen und Schleifen des schwäbischen Fließgewässers und der ihn überragenden Alb liegt. Die Ausstellung -ein Gemeinschaftsprojekt mit Cosima Klischat- fand in der Produzentengalerie Poly statt, einer Lokalität die mit ihrem Namen gleichsam Mimikry -wo nicht an den Ulysses- so doch an den Text der Odyssee betreibt. In refrainartigen Wiederholungen wird Odysseus bei Homer fortlaufend mit schmückenden Beiworten als poly[…] beschrieben, als polymetis, polyphron, polymechanos, polytropos, polyplanos oder für uns nicht polylinguale Leser leichter verständlich, als erfindungsreich, sehr klug, sehr gerissen, verschlagen, listig, vielgewandert und weit umherirrend(1).
Ob nun Karlsruhe sich, um beim Umherirren zu bleiben, vorzüglich für Irrfahrten, Irrwege und Irrgänge eignet? Mit seinem eine Kompassrose zitierenden Straßennetz leuchtet das Organisationsprinzip der Fächerstadt unmittelbar ein und es möchte scheinen, als verkörpere die badische Residenzstadt den Widerspruch jedweder Verirrung und Verdunkelung. Demgegenüber gab es bei meinem Aufenthalt auch Warnungen im Hinblick auf das Vertrauen in vermeintliche Klarheiten und sich selbst illustrierende und illuminierende Anschaulichkeiten. Der die Mahnung untermauernde Fall, ich möge mir nur vorstellen, bei der Bewegung innerhalb des Straßensterns in den falschen Straßenstrahl -und sei es nur den Nächsten- einzubiegen, ich solle ermessen wie ich analog wachsender Entfernung zunehmend in die Irre ginge, erregte beim Geplauder Schmunzeln, aber auch den Anflug einer Wolke von Nachdenklichkeit.
Verdunkelung erfahren die Karlsruher Straßenstrahlen ohnedies dadurch, dass Ihnen ursprünglich ein barocker Jagdstern zugrunde liegt. Kein leuchtender idealstädtischer Entwurf, kein absolutistischer und weniger noch ein demokratischer wurde hier gewagt. Nicht der Gedanke der Aufklärung -der Denkrichtung- sondern der Aufklärung -der Beobachtungstechnik im Hinblick auf Jagd, Hatz und Nachstellung- wirkte formgebend. Der Stern symbolisiert nicht antizipierend ein besseres Leben sondern fungierte als optimierte Raumorganisation zum Erlegen von … Tieren(2).
Fern davon nun Karlsruhe oder die Karlsruher kritisieren zu wollen -ich wurde freundlich aufgenommen und erkundete mit Vergnügen, die Straßenstrahlen und Radien- gab mein Besuch und die dortigen Begegnungen den Impuls, eigenem gedanklichen Irrwegen in den begrifflichen Gefilden von: Planstadt, Idealstadt, Rationalisierung, Utopie und deren vermeintlichen räumlichen, symbolischen und versinnbildlichenden Entsprechungen nachzugehen. Um etwa bei den Sternen zu bleiben: a) wollen wir unserer/m Liebsten die Sterne vom Himmel holen, b) leuchten die Sterne für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, c) liegen Sterne auch dem architektonischen Programm des Panopticon, des Gefängnisses in Strahlenbauweise, der Stein gewordenen Totalüberwachung zu Grunde. Und wechseln wir zum Kreis, wie etwa an literarisch prominenter Stelle in der Göttlichen Komödie, so sind sowohl das himmlische Paradies, das Fegefeuer und die Hölle in formaler Indifferenz gleichermassen nach Maßgabe der Idealfigur konzentrischer Kreise aufgebaut.
Augenscheinlich führt mich das Bild des Sterns, mein Weiterdenken und Fortschreiben in Begriffen von Hell, Dunkel, Licht, Wolke, Schatten mitten in die traditionellen Sphären einer Lichtmetaphorik und der durch sie konnotierten Fragen um Wert-Vorstellungen, -Urteile und -Aussagen. Damit kann mein Besuch der Ausstellung "Lumiére Noire [- Neue Kunst aus Frankreich]"(3) in der Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe über ihren unmittelbaren Genuss hinaus als eine das Kreisen meiner Gedanken weiter fördernde Koinzidenz verstanden werden. Der die Arbeiten der zwölf jungen französischen Künstler durchgängig verbindende Fokus auf Hell-Dunkel-Malerei [Clair-obscur, Chiaroscuro] und Schwarz [mit dessen Lichthaltigkeit und metaphysischer Aufladung], mutet in diesem Kontext als Inversion und leuchtendes Gegenbild -das strahlend helle Dunkel- zu meinen Reflexionen hinsichtlich des düsteren, dunklen oder doch verdunkelten Hellen an. Jedoch, unmöglich wird sich jemand mit einer simplen Umkehr von Schwarz und Weiß oder dem wofür sie stehen zufrieden geben. Erst durch die Absage an solch mechanisches Umschlagen vom Satz in den [un]reinen Gegensatz öffnen sich im regelrecht immateriellen Changieren(4) von Hell und Dunkel, im Flirren von Schwarz und Weiss neue Licht- und Gedankenräume.
Die Ausstellung "Lumiére Noire" und die Möglichkeit ihres Besuchs erlebte ich gleichsam als Geschenk. Im gegenwärtigen reflektieren von Hell und Dunkel, Schwarz und Weiss bot sie mir schimmernde Orientierung am Horizont. Freilich begegnete mir in Caravaggio [Michelangelo Merisi da] schon früher, ein barocker Praktiker und malender Erforscher des Clair-obscur. Das ich hier das Beispiel wechsle schuldet sich weniger den zeitlichen Horizonten -ich war sehr dankbar für die gegenwärtigen Positionen aus Frankreich-, als vielmehr meiner mir selbst verordneten Frage nach der Richtung einer zu denkenden Heimkehr, nach meinem Ithaka. Bei der namentlichen Nennung der Heimatinsel des Odysseus, klingt in meinen Ohren immer auch der seit Kindertagen kaum mehr gehörte, aus dem Sprachgebrauch glücklicherweise fast gänzlich verschwundene umgangssprachliche und tendenziell abwertende Begriff Itaker(5) für Italiener mit. Daher an dieser Stelle die Nennung Caravaggios und nicht etwa von Hans Holbein [d.Ä.], dem nach der Restaurierung seiner Grauen Passion erst diesen Winter eine ausführliche und über sein Werk ausgreifende Schau(6) in der Stuttgarter Staatsgalerie -und damit an den Gestaden des Neckar- gewidmet wurde.
Setze ich nun Italien -über den Umweg einer Unkorrektheit- mit Ithaka in Eins, so bedarf diese Zusammenschau noch mein klärendes Eingeständnis einer seit Jahren mal mehr mal weniger gepflegten Italien-"Vorliebe". Im Freundeskreis wurde mir nicht ohne leisen Spott die Qualifikation zum Hobby-Italiener bescheinigt. In Sticheleien wie dem Hobby-Italiener oder Abwertungen wie dem Itaker werden offensichtlich Zugehörigkeiten oder Ausschlüsse, wird Heimat verhandelt.
Dem Grad von Abwertung und Stichelei proportional teilen sich darin aber auch Verunsicherung und Sorge darüber mit, was denn innerhalb unseres Horizonts und somit im hellen Licht oder jenseits im Dunkel liege. Freilich hat kaum jemand nicht schon irgendwie über seinen Tellerrand gesehen. Die besagten Benennungen vernachlässigen schlicht, dass wir alle -sei es in Folge eifernder Begeisterung oder massvollerer Beschäftigung mit diesem oder jenem Gegenstand- Gesellschaften von Hobby-Franzosen, von Hobby-Briten, und -Iren, von Hobby-Griechen, -Orientalen, oder -Russen angehören. Spätestens seit der Verbreitung von Buchdruck und Übersetzungswesen, dem Erscheinen günstiger Interieur und Kochbuchpublikationen, dem Gemeingut werden von Reisen und der Entwicklung der medialen Welten von Film, Fernsehen, Hifi und Internet, besitzen wir -nur ungern einschränkte- Aufenthaltsrechte in einem teils träumerischen und teils wirklich gelebten, teils trivialen oder teils ernst zu nehmenden, von Türmen und Luftschlössern strotzenden Hobby-Babel(7). Komplementär hat Babel zugleich durch Flüchtlingsströme, Asyl und Migration, durch Mobilität und eine in Schrumpfung begriffene globale Welt auf der politischen und gesellschaftlichen Tagesordnung seinen festen Platz gefunden.
Wie sehr uns Fragen nach Identität und Heimat alle beschäftigen, wie wenig eindeutig sie sich noch beantworten lassen, bestätigt mir auch das sich Häufen von Vorträgen und Symposien zu derlei Gegenständen. Eine Veranstaltung wie "Ulysses in der Gegenwart - Wie fremd ist die eigene Heimat?", die am 13.05. 2007 im Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft in Karlsruhe stattfand, beruft sich sogar ausdrücklich auf den joycschen Roman und damit namentlich auch auf den homerschen Irrfahrer(8). War ich auch nicht in Karlsruhe zugegen, so besuchte ich doch 2007 im Haus der Kulturen der Welt Berlin eine zumindest thematisch ähnlich gelagerte Tagung. Aus deren Titel "New York - Berlin -- Kulturelle Vielfalt in Urbanen Räumen" spricht anders als aus dem sorgenvolleren Karlsruher Titel ein hoffnungsvolles Agens. Ich erinnere mich, dass auf der Tagung in der Wortschöpfung "Multi-Layer-People" ein Begriff zirkulierte, der sich synonym durch den alternativen Gebrauch des Präfixes Poly: "Poly-Layer-People" hätte bilden lassen können(9).
Befragen wir den Tellerrand, den Teller und verweilen wir damit in Speis und Trank bei dem, was unbestritten als regionales, als nationales, als identitätsstiftendes Kulturgut gilt. Hierfür müssen wir nicht notwendig ein Buch wie Victor Hehns "Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergang […]"(10) aufschlagen, um uns zu vergegenwärtigen, dass sich mit der Kartoffel die deutsche Nutz- und Speisepflanze Nummer eins, mit der Tomate sich eine wesentliche Grundlage italienischer Saucen- und Pasta-Kultur der Amerikaentdeckung und der ihr folgenden Einfuhr und "Immigration" von Früchten, Samen, Sprösslingen und Ablegern verdankt. Im Ulysses legt Joyce seinem Protagonisten Leopold Bloom die verbreitete Legende in den Mund, nach der etwa Sir Walter Raleigh die Kartoffel -und den Tabak- aus der neuen Welt [ins damalige Vereinte Königreich] eingeführt habe(11). Rar sind jene Nutzpflanzen oder Haustiere, die sich auf Grund autochthoner Domestizierung in akzentuiertester Weise heimisch nennen dürfen.
Wenn jedoch selbst die an die Scholle gebunden-verstandene Nutzvegetation, sich erst durch Inklusion oder Exklusion als heimatlich erweist, was sind dann die Antriebe für oder wider ihre "Einbürgerung?" Für Pflanzen gilt hier in weit größerem Masse als beim Tier oder gar dem Mensch die Frage einer Eignung für den Boden und für das Terrain. Doch selbst hier wird letztlich eine Entscheidung getroffen, in die mal mehr oder mal weniger eine Vorliebe hineinspielt. Das "Vor" mit dem ihm notwendig impliziten "Zurück", die Aufwertung gegenüber der Abwertung -und dem ihr innewohnenden Eskalationspotentialen-, sowie die häufigen Bestrebungen solche Neigungen als objektive Notwendigkeit zu präsentieren, sind an -letztlich jedoch unvermeidbaren- Vorlieben zwiespältig. Auflösung findet dieser Zwiespalt im Eingeständnis, dass die wesentliche Qualität der Vorliebe in einer Bindung und nicht im Gebundenen, in einer Gewohnheit und nicht im Gewohnten liegt. Die für Pflanzen bedeutsame Frage nach dem Terrain wird im menschlichen Miteinander zur nicht minder Entscheidenden nach Kontexten und kontextuellen Anschlussmöglichkeiten.
Wenn sich nun selbst Pflanzen und Haustiere von Erfahrungen wie Migration und Mobilität nicht ausnehmen lassen, wenn auch sie über- oder gar irregehen -gedacht sei hier an freilich vom Menschen gesteuerte gentechnische Entwicklungen-, wie verhält sich dies dann letztlich mit unseren Untergründen und Grundfesten(12)? Erfährt nicht auch das Gelände auf dem wir uns bewegen einen unablässigen Wandel? Und müssen wir uns Erd- und Heimat-Schollen nicht -über die geologische Plattentektonik hinaus- als in steter Bewegung befindlich auffassen? Oder erleben wir uns so vefasst als orts- und orientierungslos? Überfordert uns unsere Welt ins Unermessliche bewegt und im [Fort]Gang begriffen, fliessend, ja zerfliessend gedacht nicht analog als völlige Maßlosigkeit?
Nicht das 125-jährige Jubiläum, sonder das Ausmass, der Grad der [Auto]Mobilität und darüber hinaus die paradoxe Entwicklung des Autos zum Medium der Massen-Individual-Mobilität, lassen mir in solchen Zusammenhängen auch die Ausstellung "Car Culture - Medien der Mobilität"(13) erwähnenswert erscheinen. Unsere Mobilität, die neuen Medien, die Schrumpfung und Transformation der durch Eingewöhnung für uns naturwüchsig gewordenen Räume? Fortschritt? Irrfahrt? Oder Segen und Fluch gleichermaßen? Das Automobil, unverzichtbare Bequemlichkeit, Produkt virtuosen Gestaltungswillens, Ikone, wert der Würdigung in großzügigen Ausstellungen -etwa der Ferrari-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie 1994(14). Das Automobil, Stadt und Land durchpflügende, Blechlawine, eine die Sinne in Folge von Allgegenwart quälende, eine die Umwelt belastende Plage. Mir fehlt darauf eine allgemein gültige, die letztgültige Antwort.
Schwarz und Weiß helfen mir in diesem Kontext nicht weiter. Ich bedarf der Graustufen oder vielmehr der Farben. Und von der konkreten Irrfahrt- und Ulysses-Ausstellung in Karlsruhe habe ich nun nicht gesprochen. Der Bericht vom Bloomsday geriet mir selbst zur Irrfahrt. Kunst der Verzettelung? Orientierungsverlust? Nicht nur weil wesentliche benennende Motive seines Romans der Odyssee entspringen, kommt dem Ulysses nach meinem Verständnis -selbst dort wo sich die Handlung konkret in einer Kutsche oder Straßenbahn zuträgt- nie das Charakteristische eines Seestücks abhanden. Möglicherweise wird bei der Lektüre unbewusst der bodenverhaftete Gang durch die Straßen in die mehr driftende und dahintreibende Bewegung auf Meeren von Zeichen übersetzt. Liefern Dublin, die Stadt, deren Straßengewirr den für das beginnende 20. Jahrhundert angemessenen Schauplatz einer Irrfahrt, so kommt mit der den Ort überlagernden und das Geschehen zur Fahrt übers Meer umdeutenden Folie der Odyssee eine wirkmächtige Daseinsmetapher ins Spiel, deren beredter Kraft sich selbst eingeschworene Landratten nicht entziehen können.
Von Kraft zeugen auch die auffälligen farblichen Differenzierungen des Meeres in Odyssee und Ulysses. Tönt sich das Homerische Meer mal weinfarben, mal grau, mal violett oder schwarz, dominiert bei Joyce ein rotzgrün, mit gelegentlichen Wechseln ins Weindunkle oder Weißmähnige. Bei einer Recherche zum Ulysses stiess ich auf einen Artikel über europäische Forscher, denen die Fähre Ulysses, die regelmäßig die Irische See durchkreuzet, zur Überwachung der Wasserqualität dient. "Zu diesem Zweck soll[t]en an der irischen Fähre optische Sensoren befestigt werden, um während des ganzen Jahres kontinuierlich Farbinformationen über die Oberfläche der Irischen See zu sammeln." Man erwartete, dass "das Wasser in den Wintermonaten brauner" sei "und mehr Sedimente" mitführe. Im Frühling" würde "das Wasser grüner erscheinen, da das Plankton oder Algen im Wasser" blühten, "und in den Sommermonaten" werde es "klarer und blauer". (15)
Ich gestehe: ich las den Bericht mir fast kindlicher Freude. Vor meinem inneren Auge liess ich -um Jahrzehnte verjüngt- kurzbehost mein Schiff -den "Ulysses"- auf einem Gewässer schwimmen, als ernst wirkende Professoren kamen, um sich das Spielgefährt für Ihre seriösen und präzisen Zwecke zu leihen. Stark hat es nachgewirkt, dass ich im vorgestellten Alter meine ersten Einführungen in die Odyssee erfuhr: in Buchform durch eine illustrierte Nacherzählung von Walter Jens, akustisch zudem als Hörspiel. Bis hin zu Details bleibt mir das in freudiger Erinnerung, obschon insbesondere das Hörspiel was die Darstellung betrifft auch Grausliches enthält(16).
Wesentlicher noch als meine Träumerei eins zu eins mit meinen eigenen Kindertagen zu verknüpfen, erscheint mir die heraufdämmernde Einsicht, dass ja die Odyssee selbst in der Literaturgeschichte die Anfänge, -und wenn schon nicht die Kindheit- so doch ihre Jugend vertritt. Aus dieser Einordnung erklärt sich auch, warum in der Odyssee unterschiedlichste Inhalte und die sich später heraus spezialisierenden Betrachtungsweisen noch völlig ungeschieden sind, warum wir bei Homer Mythos und Naturbetrachtung, Geschichte, Märchen, Heldenverehrung, […] und Geographie noch harmonisch vereint finden. Auch deshalb kann man bei Homer von einer "Totalität der Weltdarstellung", von der "Betrachtung des Menschenlebens und des Weltganzen", vom "[griechischen] Weltgedicht" sprechen(17). Und dass Joyce in einem ganz anderen Entwicklungsstadium der Literatur und der Weltbetrachtung, nach allgegenwärtigem Fortschritt in der Spezialisierung im Ulysses mit einigem Erfolg den Gedanken des Weltgedichts wiederbelebt, macht seine eigentliche Besonderheit aus.
Den Ursprung meiner Freude, die ich beim Lesen eines Artikels über Wasserqualität empfinde, erkenne ich nun darin, dass Homer die dargestellten Beobachtungen farblicher Veränderungen des Meeres gleichsam antizipiert. Seine allein mit offenen Augen und einem unverstellten Blick erhobenen Daten, gestalten sich freilich als vergleichsweise unpräzis und lückenhaft. Doch um wie viel weniger wiegt mir das Eingeständnis einer mangelnden wissenschaftlichen Verwertbarkeit der homerschen Beobachtungsergebnisse, als der sich nun einstellende Assoziationsschluss. Denn auch die zuvor träumerisch imaginierten Kindertage kannten, ja repräsentieren geradezu den besagten offenen, unverstellten und freien Blick. Schien in jenen Jahren über uns allen die Sonne und die Sterne nicht mit größerer, zweifelsfreierer und damit unverschatteterer Helligkeit? Traten in diesem Licht die Farben nicht deutlicher hervor. Empfanden wir nicht das Laub grüner, den Schnee weißer und den Himmel blauer.
Das guldene Kindheitsbild wirft die Frage auf was an meinen Heimkehr- und Nostos-Gedankenspielen weniger als Drängen im Raum, sondern vielmehr als Sehnsucht nach [m]einer guten alten Zeit, als Nostalgie entschlüsselt werden muss? Dagegen spricht, dass meine Anrufung der Kinder- und Jugendtage sich nicht im verklärenden Bilde eines äußeren Ist-Zustandes erschöpft, ja sich nicht einmal wirklich daran versucht. Mein gedanklicher Tusch, mein Farb- und Sinnes-Wirbel galt vielmehr den Wahrnehmungsmodi meiner und unser aller jungen Jahre, der Offenheit der Sinne und der Erwartungen, wo noch alles als "Arche für die Wünsche"(18) flott gemacht werden konnte. Zugleich weisen die süddeutschen Landschaften weiter über sich hinaus, verwandeln sich von bodenständigen Ankern zu Vehikeln der Imagination und Medien der Mobilität. Mein Heimweh ist zugleich Fernweh, Heraufbeschwörung der trüb glänzenden, flaschengrünen Fluten des Neckars, der angrenzenden weinspendenden Hänge und der Schwäbischen Alb, Sedimentation eines Urmeeres, Schichtungen von weißem, braunem, schwarzem, aber eigentlich Erscheinung von je nach Lichteinfall grauem, […] oder blauem Jura.
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(1) "poly" zusammengetragen etwa bei: Luciano De Crescenzo: "Der Listenreiche - Die Odyssee, neu erzählt für den Leser von heute", München 1998, S. 10
(2) Solch zwiespältige Mehrdeutigkeit des Begriffs "Aufklärung" begegnete mir schon explizit in einem Film von Harun Farocki. Dort war die Denkrichtung dem Luftkrieg, militärischer Aufklärung und nicht Fragen der Jagd gegenübergestellt.
Harun Farocki: "Bilder der Welt und Inschrift des Krieges", BRD 1988
(3) Saadane Afif, Dove Allouche, Ismail Bahri, Sophie Bueno-Boutellier, Guillaume Bresson, Nicolas Chardon, Damien Deroubaix, Nick Devereux, Vincent Ganivet, Benjamin Swaim, Vincent Tavenne, Yann Toma - Alexander Eiling (Kurator):
"Lumière Noire - Neue Kunst aus Frankreich", Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 11.06. - 25.09.2011
(4) ""Changieren" (altfranz. changier = wechseln, tauschen, verändern)"
Auffällig scheint mir, dass ähnlich der "Aufklärung" hier mit mit dem "Changieren" ein dem Licht und der Beleuchtung anverwandter Begriff wiederum die Jagd berührt.
- "Der Farbwechsel bei unterschiedlichen Beleuchtungswinkeln vor allem von Geweben, Papieren und Mineralien (Alexandrit-Effekt). Bei Geweben wird dieser Effekt durch unterschiedlich farbige Kett- und Schußfäden erreicht"
- "in der Jägersprache den Wechsel einer Fährte (Verlieren und Aufnehmen einer anderen Fährte) durch einen Jagdhund"
http://de.wikipedia.org/wiki/Changieren
(5) - "Itaker" - zuerst während des Ersten Weltkrieges in der österreichischen Armee aufgekommen, und zwar in Wortformen wie „Itak“ und „Idaker“
- war in der deutschen Landsersprache des Zweiten Weltkrieges die Abkürzung für Italienischer Kamerad.
- Erst in den 1960er und 1970er gelangte der Begriff in die Umgangssprache als gängige abwertende Bezeichnung für 'die Italiener' im Allgemeinen, wobei sich die Endung zu -er wandelte. Er leitet sich dem Wortbildungsmuster nach analog zu „Polak“, „Slowak“ oder „Bosniak“ ab.
- "als Itak (Plural itaci bzw. Itatschi) wurden zur Zeit der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan auch zum Islam konvertierte Serben und Bulgaren bezeichnet sowie Türken in Serbien."
http://de.wikipedia.org/wiki/Itaker
(6) Hans Holbein der Ältere, […] - Elsbeth Wiemann (Kuratorin):
"Die Graue Passion in Ihrer Zeit", Staatsgalerie Stuttgart
"Grosse Landesausstellung Baden-Württemberg 2010" 27.11.2010 – 20.03.2011
(7) "Der Turmbau zu Babel", in "Die Die Heilige Schrift - Das Buch Genesis 11.1 - 11.9", Einheitsübersetzung, Stuttgart 1981
Mit Babel sind offensichtlich sprachliche und kulturelle Vielfalt aus Sicht des Monotheismus negative, geradezu antiutopische Phänomene. Dem wird mit der Übersetzung von "Babel" in: "Wirrsal", "Durcheinander" oder "Geplapper" Rechnung getragen.
1 Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. 2 Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. 3 Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. 4 Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. 5 Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. 6 Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. 7 Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. 8 Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. 9 Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.
(8) Caroline Y. Robertson-von Trotha (Leitung), Pascale Brencklé und Stefanie Meiler (Inszenierung): "Ulysses in der Gegenwart - Wie fremd ist die eigene Heimat?" Öffentliche Wissenschaft im Theater, [im Rahmen der Ulysses-Reihe des Staatstheaters Stuttgart] ZAK - Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale Karlsruhe 13.05.2007
(9) Susanne Stemmler (Konzeption): "New York Berlin - Kulturelle Vielfalt in Urbanen Räumen" Haus der Kulturen der Welt Berlin 18.10. - 20.10.2007
(10) Victor Hehn: "Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa - Historisch-Linguistische Skizzen", Berlin (1870) - 9. Aufl. 1963 = Reprint der 8. Aufl. von 1911
(11) James Joyce: "Ulysses", übersetzt von Hans Wollschläger,
ed. Dirk Vanderbecke u.a., Frankfurt a.M. 2004, S. 629
(12) Im Stillen möchte ich hier noch anmerken, dass Leopold Bloom während fast des gesamten Tags [Romans] eine Kartoffel als Talisman, beziehungsweise als Amulett mit sich führt [S. 75, 251, …]. Die Bloomsche Kartoffel versteht sich wohl analog zum in der Odyssee erwähnten Zauberkraut Moly. Die Pflanze wird Odysseus von Hermes als Gegengift gegen die Zauberkünste der Kirke überreicht. Sie wurde als Lauch [Gold-Lauch / Allium magicum oder Schwarz-Lauch / Allium nigrum] identifiziert. Auffälliger Weise wird Bloom seine Kartoffel in der joycschen Kirke-Episode von einer Prostituierten abgenommen, womit für ihn eine halluzinative Jenseits- und Unterweltsfahrt beginnt [S. 628 - 695]
Aber auch die Große Hungersnot von Irland [1845 - 1849], Folge eines eingeschleppten Pilzes und der von ihm bewirkten Kartoffelfäule findet mehrfach Erwähnung [S. 45, 62, 246, 323]. Die Hungersnot, die Irland neben den wirtschaftspolitischen Ursachen vor allem auf Grund von Monokultur, also mangelnder kultureller Diversität so hart traf, forderte mindestens 1 Million Hungertote und führte zur Auswanderung von fast 2 Millionen Iren.
-- James Joyce: "Ulysses", übersetzt von Hans Wollschläger,
ed. Dirk Vanderbecke u.a., Frankfurt a.M. 2004
-- Homer: "Odyssee", übersetzt von Anton Weiher, München 1955,
10. Gesang […, Kirke], Seite 271-273
-- http://de.wikipedia.org/wiki/Moly
-- http://de.wikipedia.org/wiki/Große_Hungersnot_in_Irland
(13) Peter Weibel und Bernhard Serexhe (Kuratoren): "Car Culture. Medien der Mobilitaet", ZKM - Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe 18.06.2011–08.01.2012
(14) Staatliche Museen zu Berlin in Zusammenarbeit mit Ferrari: "L'idea Ferrari", Ausstellung des Kunstgewerbemuseums in der Neuen Nationalgalerie,
Staatliche Museen Berlin 17.05 - 31.07.1994
Gianni Rogliatti: Die Ferrari Technik
Sergio Pininfarina: Zeuge und Akteur
Valerio Moretti: Die Entwicklung des Ferrari Designs
Mario Carrieri: Orginalpharbfotos
Archive: Ferrari, Moretti und Rogliatti: übrige Photos
(15) Sandra Standhartinger: "Ulysses unterstützt Überwachung der Irischen See" in "Innovations Report", Schmitten / www 06.11.2002
http://www.innovations-report.de/html/berichte/umwelt_naturschutz/bericht-14259.htm
(16) - Walter Jens (Nacherzählung) - Alice und Martin Provensen (Bilder): "Ilias und Odyssee" Ravensburg 1956
- Claudius Brac (Hörspielbearbeitung und Regie) - Hans Paetsch (Erzähler), […]: "Die Irrfahrten des Odysseus", E[uropa] 224, München 1967
(17) Klaus Joerden (K.J.) - Walter Jens (Herausgeber): "Homer - Ilias", in "Kindlers Neues Literatur Lexikon", (München 1988), Frechen 2001, Band VIII, Seite 24
(18) Ernst Bloch: "Das Prinzip Hoffnung", Frankfurt am Main 1985, Werkausgabe BandV/I Seite 26
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Ich danke insbesondere Claudia Diedrich, Cosima Klischat, Silke Stock und meiner Mutter Dorothe Thelen, ohne deren vielfältige Unterstützung und Anregung, ohne deren Gastfreundschaft weder der hier vorliegende Text entstanden wäre, noch die ihm vorangegangene Ausstellung stattgefunden hätte.
Ferner geht mein Dank an die Poly(**), die mit ihren Räumen proteischer Vielgestalt einen beredten Rahmen bot.
(**) Poly Produzentengalerie e.V.
Viktoriastr. 9
76133 Karlsruhe
http://www.poly-galerie.org
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Photo: Ithaka (wie aus zwei kleineren Inseln bestehend wirkend) und dahinter Kephallonia (deutlich größer) - 2011





